Im Oktober 2024 (fast 4 Monate früher… wie die Zeit fliegt, wenn man etwas machen möchte…) habe ich angefangen, diesen Artikel zu schreiben. Es ist wahrscheinlich erst das dritte Mal, dass ich etwas selbst auf Deutsch schreibe, das nicht für die Arbeit ist, und das erste Mal, wenn ich etwas so Persönliches schreibe.
Ich verwende heute keinen Übersetzer und lasse meinen guten Kollegen ChatGPT eher ruhen. Wahrscheinlich werde ich am Ende noch einen letzten grammatischen-Check und einen Spell-Check (Update: Grammar und Spell-Check habe ich gemacht und sie waren stark notwendig ;-)). Ich verwende kein Wörterbuch und belasse die Wörter, die ich nicht auf Deutsch kenne, als englische “placeholders”.
Ich realisiere erst jetzt, wie sich die Dinge verändert haben – seit Jahren, aber sogar seit letztem Oktober, also nur ein paar Monate früher. Jetzt fühlt es sich viel einfacher, mich auf Deutsch auszudrücken, die Gefühle und Ideen auf das Papier zu schreiben. Wahrscheinlich ist das ein grosses “Sign”, dass eine Sprache langsam eine Heimat wird.
Ich habe das Glück, jeden Tag bei der Arbeit mein Deutsch zu üben, aber dort spricht man mehr über Cyber-Sicherheit als über persönliche Erfahrungen. Also, ich kann unbedingt über Anwendungen, Netzwerken und Protokolle reden und schreiben, aber über was läuft im Alltagsleben, Kopf und Herz? Schauen wir es an. Doch es scheint so, als würde sich die Sprache auch in den anderen Bereichen des Gehirns und des Herzens verbreiten.
Ich komme zurück zu meinem Hauptthema und zu dem, was ich im Oktober schon geschrieben habe. Am 2. September 2024 ist es schon 5 Jahre her, seit ich in die Schweiz gekommen bin, seit ich meine ursprüngliche Heimat verlassen habe.
Verwunderlich ist es, wie die Zeit läuft… Manchmal fühlt es sich an, als wären schon 50 Jahre vergangen. Und manchmal fühlt es sich an, als wäre es nur gestern gewesen, dass ich zum ersten Mal meine Eltern am Delhi-Flughafen verabschiedet habe.
Wenn ich zu Besuch nach Indien zurückkomme, sehen viele Dinge ganz anders aus und es gibt immer ganz neue. So ist das Gesetz der Zeit. Langsam, aber sicher ändern sich die Dinge – egal, ob du da bist oder nicht. Aber manche Dinge bleiben immer gleich. Das sind die Gefühle, die man selbst kennt, und die Erinnerungen, die man immer mit sich trägt.
Den frühmorgendlichen Nebel von Punjab und seinen Geruch werde ich niemals vergessen.
So viele Tage bin ich frühmorgens aufgestanden, um die Kurse an der Universität zu besuchen. So eilig, so schläfrig waren die Frühstücke im “Mess” und die Läufe zu den Vorlesungshallen–aber sonst so schön. Wir haben uns damals immer beklagt, “ich wollte mehr schlafen”. Wenig weiss man, wie schön die Erfahrung in den Erinnerungen steckt.
So viele Erinnerungen und Gefühle können nur mit einem Geruch oder sogar mit einem Atemzug verbunden sein. Dann ist es schwierig, sich vorzustellen, wie viel mit einer Heimat verbunden ist.
Es ist ein langsamer und schwieriger Prozess, aber ein Fremdland kann wahrscheinlich auch eine Heimat werden, wenn du ihm in dem Herzen Platz gibst. Wahrscheinlich wird es nie die Geburtsheimat ersetzen, aber das ist gar nicht notwendig. Das Herz und das Gehirn haben genug Platz und genug Liebe.
Für mich ist der Prozess ganz langsam gewesen – viel langsamer, als ich es mir gewünscht hätte. Um ganz ehrlich zu sein, hat es sich in den ersten vier Jahren unmöglich angefühlt, trotz vieler Versuche. Und dann hat man eine Erwartung, wenn man ein “festes” Leben an einem Ort aufbaut (z.B. der Übergang vom Studium mit Angst vor der Zukunft, zu einen festen Job, einer eigenen Wohnung und neuen Freundschaften) dann wird der Ort sofort und unbedingt eine Heimat.
Aber so ist es mit den Erwartungen, insbesondere mit den Erwartungen an Gefühle, die man nicht selbst erschaffen (vor meinem Grammar-Check war dieses Wort “erstellen”, dank der Arbeit ;-)) oder kontrollieren kann. Sie kommen nur, wenn und wann sie wollen. Und sie kommen langsam, in so kleinen Teilen, dass man sie einfach verpassen könnte, wenn man sich nicht achtsam ist oder wenn man das Heimatgefühl nicht so stark vermisst.
Aber genau das ist die Schönheit, wenn etwas stark fehlt. Wenn es dann kommt – selbst in der kleinsten Dosierung– , bemerkt man es, geniesst es und ist dankbar und glücklich.
Und so ist es auch bei mir passiert. Heute bin ich nicht nur voll dankbar für das „Big Picture“ im Leben und für alles, was ich bekommen habe und für mich selbst aufbauen konnte, sondern auch für die kleinen Momente, in denen ich mich ganz daheim fühle.
Bis letztes Jahr habe ich immer gefühlt, gesagt und gedacht, dass ich die Schweiz liebe, aber sie mich nicht zurückliebt. So ein Gedanke kann hoffentlich vergeben werden. Die Natur des Menschen ist so, dass er manchmal die guten Dinge nicht wertschätzt, wenn ihm etwas fehlt. Und es wird immer etwas fehlen. Der Mensch merkt manchmal erst dann, wie viel er hatte, wenn er es bereits verloren hat. Zum Glück ist das nicht mein Fall.
Aber dieses Jahr verändert sich meine Aussage zur Liebe zur Schweiz wahrscheinlich. Es wird langsam, aber sicher einfacher. Es gibt mehr Dankbarkeit, mehr Hoffnung, mehr Präsenz und mehr Freude. Wahrscheinlich liebt die Schweiz mich doch zurück – aber ihre Liebe sieht anders aus.
An oberster Stelle (vor dem Grammar-Check war dies “am oben von allen” ;-)) stehen die Momente, wenn ich die Entfernung und Unterscheidung vergesse – wenn sich die alte und die neue Heimat gleich anfühlen.
An den Tagen, wenn es neblig ist, schliesse ich die Augen und atme einen tiefen Atemzug. Und manchmal fühle ich keinen Unterschied. Ich erkenne das Gefühl vollständig, und es erkennt mich zurück. Egal, ob ich hier in der Schweiz oder zu Besuch in Indien bin. Ein Atemzug und ein Geruch können die ~6000 km zwischen hier und dort für einen kleinen Moment überwinden (dieses Wort war, vor meinem Grammar-Check, “beheben”, dank nochmals der Arbeit ;-)).
Man sagt, dass daheim ein Gefühl ist – ein Gefühl von Sicherheit, Zugehörigkeit und Ruhe, und so viel mehr, was das Leben bringt. Wo ist dann daheim, wenn man so viele Gefühle – schöne und schlimme – an beiden (oder mehreren) Orten empfindet? Wenn man so viel fühlt, aber gleichzeitig weiss, dass so viel fehlt – egal, wo man ist.
Wie kommt man dazu, einen fremden Ort so zu lieben wie den Ort, an dem man aufgewachsen ist? Wann wird ein Ort eine neue Heimat? Ist es, wenn man am Heimatort ist und trotzdem manchmal an die Berge und die Trams des neuen Ortes denkt? Sind es die Momente, wenn man irgendwo anders auf Reisen ist und Heimweh nach seinem neuen Zuhause bekommt – dem Ort, den man zuvor nie als Heimat empfunden hat? Oder sind es die Momente, wenn man den Nebel einatmet und den Unterschied nicht mehr erkennt?